Food Blog #2: Köstlich unterwegs – Mondschein Dunkelrestaurant & Lounge

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Grinsend erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich bei der Planung zum Blog für November voller Euphorie zu den Mädels von I LOVE LEIPZIG sagte: „Wisst ihr, was ich schon immer Mal machen wollte? In einem Dunkelrestaurant essen gehen. Zu dieser Jahreszeit ist es draußen sehr früh finster, dann ist der Kontrast bestimmt nicht so stark und ich kann mich besser auf meine vier Sinne verlassen. Das machen wir!“ Tja, ob ich da den Mund nicht etwas zu voll genommen habe und wie das Ganze ausging?

Was genau auf mich und meine drei Begleiter im Mondschein Dunkelrestaurant & Lounge zukommen sollte, haben wir uns im Vorfeld ganz bewusst weder erzählen lassen, noch gegoogelt. Spaß und Spannung sind an einem Abend der Erlebnisgastronomie immerhin die wichtigsten Begleiter – okay, zugegebenermaßen auch eine klitzekleine Portion Angst, denn wir wussten nur so viel: es wird  s-t-o-c-k-d-u-n-k-e-l.

Mit weniger schickem, dafür aber zum Vollkleckern bereit gewähltem Outfit, stürzten wir uns also in ein völlig neues Abenteuer.

 

Wer bereits jetzt in Panik gerät und glaubt, dass es von Beginn an dunkel ist, den kann ich beruhigen. Empfangen wird man in der Lounge des Restaurants. Man taucht ein in eine ruhige Atmosphäre – untermauert durch violett gedimmtes Licht, Klänge entspannter Jazzmusik und vor allem aber durch die unfassbare Gelassenheit der Kellnerinnen, die sich durch nichts hätten aus der Ruhe bringen lassen. Hier überkam mich das wohlige Gefühl von Sicherheit. Bei einem Aperitif wurde uns die Karte mit vier verschiedenen Viergang-Menüs gereicht und wir konnten zwischen Fleisch, Meer, vegetarisch oder Überraschung wählen. Gar nicht mal so einfach, denn lediglich eine märchenhafte Umschreibung jedes einzelnen Gangs lässt vermuten, was später auf den Tellern, oder unter dem Tisch, liegen könnte. Wir entschieden uns für Fleisch, Meer und vegetarisch, klärten noch fix ein paar Unverträglichkeiten und bekamen im Anschluss die Einweisung in den Dunkelknigge. Nicht zu unterschätzende Worte und Regeln, denn niemand weiß vorher, wie er in absoluter Dunkelheit reagieren wird. Und allmählich schwand es, das wohlige Gefühl der Sicherheit.

Wenige Minuten später wurden wir von der sehbehinderten Mitarbeiterin Franzi, welche uns die gesamte Zeit vertrauensvoll und behutsam durch den Abend leitete, abgeholt. „Ihr habt alles verstanden? Prima. Dann jetzt bitte eine Reihe bilden und an der Schulter eures Vordermannes festhalten.“ – und los ging die Polonaise. „Oh Gott, mir ist schlecht.“; „Leute, ich hab echt Angst.“; „Hilfe, ich kann rein gar nichts sehen.“ .. Ihr lest selbst: der innere Impuls den Raum absoluter Dunkelheit sofort wieder zu verlassen war groß, die Lust auf das Abenteuer allerdings größer. ‚Absolut‘  ist hierbei übrigens wahrlich keine Übertreibung, denn auch, als wir bereits am Tisch angekommen waren und Franzi jeden einzeln an die Hand nahm, um Platz zu finden, konnte man sie vor seinen eigenen Augen nicht erkennen. Ehrlich gesagt wartete ich bis zum Schluss auf das Gefühl, dass sich meine Augen langsam adaptieren und man zumindest schemenhafte Umrisse seiner Umgebung erahnen konnte. Allerdings vergebens.         

Es blieb uns also wirklich keine andere Möglichkeit, größtes Vertrauen in die Sinne Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen zu legen. Nachdem wir alle unseren Platz gefunden hatten, grob die Abstände zu unserem Gegenüber und die Utensilien auf dem Tisch ertastet hatten, schlich sich bei mir allmählich das Gefühl der Gelassenheit ein. Erstaunlich leicht konnten wir Salz von Pfeffer unterscheiden, verteilten an jeden eine Serviette und positionierten die Getränke immer auf 3 Uhr, sodass es zu keinem Malheur kam. Auch das mit dem Hören funktionierte ganz wunderbar: Wir ließen einander ausreden, um genau zu verstehen, was der andere sagte, waren viel sensibler darauf getrimmt, als Gäste am Nachbartisch zu laut redeten, und spitzen die Ohren, um zu verstehen, sobald sich Franzi mit dem Schnipsen ihrer Finger bemerkbar machte. Was das Riechen angeht, gewann mein Meeres-Menü haushoch und stellte alles andere in den Schatten. Immerhin hatte so jeder etwas davon – auch die Nicht-Fischesser. Eine Jakobsmuschel vom vermeintlich eingelegten Hering zu unterscheiden, übersteigerte allerdings meine Kompetenz. Genauso wie das Erfühlen so mancher Lebensmittel und das Essen mit Besteck. Ausbleibendes Klirren ließ sehr schnell darauf schließen, dass wir alle längst zum Essen mit den Fingern übergangen waren. „Ich habe jetzt schon 3 Mal nichts auf dem Löffel gehabt, ab jetzt nehme ich die Finger.“; „Ups, ich glaube, ich habe gekleckert. Naja, sieht ja zum Glück keiner.“; „Mist, wo sind denn die Servietten? Ich weiß nicht mehr, welche meine war.“ führte jedes Mal dazu, dass alle wie wild auf dem Tisch suchten, wir in lautes Gelächter ausbrachen und am Ende tatsächlich alle Servietten restlos in Benutzung waren. Überhaupt hatten wir an diesem Abend sehr viel Spaß und mussten einander einige Male ermahnen, um die Gäste am Nachbartisch nicht zu irritieren. Apropos Lachen – kommen wir nun zum Geschmackssinn. Wie oft ich an diesem Abend: „Mist, ich weiß eigentlich ganz genau, was das ist, aber ich komme einfach nicht drauf“ gesagt habe, kann ich euch nicht mal verraten. Viel zu oft lag es mir fast auf der Zunge, aber ohne die Lebensmittel gesehen zu haben, konnte ich einfach nicht in Worte fassen, was ich da schmecke. Das ein oder andere Mal reichte ich wackelig meinen Teller über den Tisch und bettelte um Hilfe. Ihr wisst ja, Geduld ist nicht gerade meine beste Stärke, schon gar nicht in Dunkelheit. „Na ganz klar! Das ist eindeutig eine Pilzsuppe, denn ich hasse Pilze.“ – „Pilzsuppe? Neeee. Oder doch?“ Tja und plötzlich, mit dem Bild eines Champignons in meinem Kopf, schmeckte auch ich ganz eindeutig eine cremige Pilzsuppe. „Klasse, ich habe einen Wurstsalat, ich liebe Wurstsalat!“, rief es links von mir und ich freute mich richtig mit, weil ich das dicke Grinsen über das Lieblingsgericht meines Freundes förmlich sehen konnte.

Nach vier leckeren Gängen, unzähligen zerknüllten Servietten, etwas Suppe in meinem Haar, klebrigen Händen und unheimlich viel Spaß führte Franzi uns, ebenfalls via Polonaise, wieder nach draußen in die Lounge.

                                              

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich in den ersten Minuten einige Probleme hatte, mich an das Licht zu gewöhnen. Franzi erklärte uns, dass dies den meisten Gästen so ergeht, da die Augen den starken Kontrast einfach nicht gewohnt sind. Im Übrigen: die Mitarbeiter der Lounge und Küche sind sehend und frei von Handicaps, die des Dunkelrestaurants entweder sehbehindert oder gar ganz erblindet. Franzi trägt eine Sehleistung von 10%, geht sehr offen mit ihrer Behinderung um und meistert ihren Alltag super – absolut beeindruckend.

Später bei der Auswertung unserer Menüs gab es natürlich noch den ein oder anderen Lacher. Nur so viel: Wir lagen bei fast jedem Gang geschmacklich ziemlich stark daneben, obwohl wir uns doch alle so sicher waren.  Die cremige Pilzsuppe entpuppte sich als eine Käse-Lauchsuppe, Meerrettich wurde plötzlich zu Knoblauch und der heißbegehrte Wurstsalat bestand aus allem anderen, aber nicht aus Wurst.

 

Tipp: Neben köstlichen Viergang-Menüs serviert das Restaurant jeden zweiten und letzten Sonntag im Monat ein ausgedehntes und leckeres Frühstück – ebenfalls in völliger Dunkelheit. Und wer es ganz besonders mutig mag, nutzt die Gelegenheit, um bei „Blinddate im Mondschein“ vielleicht sogar die Liebe seines Lebens auf den zweiten Blick kennenzulernen.

Essen im Dunkeln ist eine ganz besondere Erfahrung, die ich jederzeit empfehlen werde. Man lernt dabei nicht nur vieles über den gezielten Einsatz seiner eigenen Sinne, sondern auch über das Kommunikationsverhalten und den Umgang miteinander. Vor allem aber sieht man nach dem Besuch im Mondschein Dunkelrestaurant & Lounge die Welt mit ganz anderen Augen.

 

Freut euch schon jetzt zusammen mit mir auf die Dezemberausgabe – bis dahin genießt die besinnliche Vorweihnachtszeit mit Glühwein, Plätzchen und herrlichem Duft in der Luft.

 

 

Eure Jenny