Hüter der Erinnerungen – Der Südfriedhof

img

„Kein Mensch sollte für seine Freiheit sterben. Sterben ist eine Erlösung, aber keine Freiheit." Rufus stockt mit ein paar weiteren Lauten, macht eine Drehbewegung in Richtung Kapelle und bleibt von da an stumm. Ich kann die Situation einfach nicht einordnen und verliere den Sinn der Diskussion. „Hab ich etwas verpasst?" Keiner der beiden reagiert auf meine Frage, stattdessen wirft Sofia mir eine Gegenfrage ins Gesicht, bei der sie ausladend mit ihren Armen umherschwenkt: „Weißt du wo wir lang müssen, Johann?" Mit einem Kopfschütteln will ich mein Unverständnis ausdrücken, doch keiner der beiden beachtet mich. „Wir müssen da vorn am Gebäude rechts." Mit gestreckter Haltung gebe ich die Richtung vor, schnappe nach Sofias herumfuchtelnder Hand und gehe voran. „Es wird langsam dunkel, wir sollten uns beeilen. Die schließen abends das Tor und ich hab keinen Bock hier zu übernachten."

Quelle: Manuskript Die Hand – Gabe der Generationen"

Der Ort, an dem die Linden stehen, so ruhig und genügsam, so imposant und so wunderschön. Der Ort, an dem die Adern des Lindenblattes sinnbildlicher Formgeber sind. Der Ort, an dem der Weg in die Unendlichkeit weist und der tausende Seelen in Ruhe bettet. Hier steht ein Bauwerk, mächtig und düster, stolz und erhaben, im Stile eines Klosters, in so vollendeter Form. Mit seinem Glockenturm öffnet das Krematorium den Himmel für diesen Platz der Stille, als Wächter der Ruhe, als Beschützer des Leipziger Südfriedhofs. Über scheinbar endlose Pfade, vorbei an Steinskulpturen und Kunstwerken, formt die Natur einen einzigartigen Raum, - einen Raum, der unvergessen bleibt. Das dichte Baumgeflecht schafft dabei eine unglaubliche Atmosphäre, filtert das Licht in mattes Glänzen, Zweig in Zweig, Ast in Ast, Blatt auf Blatt. Im Mai blühen neuntausend Rhododendren, im Oktober färbt sich alles bronze, das ganze Jahr zeigt sich ein künstlerischer Steingarten. Bedeutsam und gleichzeitig mahnend: Im Schatten des Völkerschlachtdenkmals muss sich dieser Ort nicht verstecken. Erbaut vor 130 Jahren von Hugo Licht und Otto Wittenberg, verändert im Laufe der Zeit, trägt der Südfriedhof die Leipziger Erinnerungen.

Autor: Mathias Kaak

Foto: Thomas Schmidt Photography